„Christliche Erziehung": Was meinen wir damit?

John Shortt

Wir nennen uns "EurECA“, die europäische Vereinigung Christlicher Lehrer und Erzieher. Wir verstehen uns als christliche Erzieher und wir reden viel über christliche Erziehung. Was aber meinen wir mit diesem Ausdruck - "christliche Erziehung"? Ich vermute, dass wir manchmal dieselben Worte benutzen, aber unterschiedliche Dinge meinen. Mit anderen Worten, wir "reden aneinander vorbei" anstatt wirklich zu kommunizieren.

Was ist mit "Erziehung” gemeint?

Zunächst ist zu sagen, dass wir ganz unterschiedliche Dinge meinen können, wenn wir über "Erziehung" reden, noch ehe es darum geht, ob sie "christlich" ist oder nicht.

Auf der Website von Harold Klassen Transforming Teachers gibt es einen hilfreichen und anregenden Artikel zu diesem Thema. In diesem Artikel weist Harold darauf hin, dass bei Übersetzungen Verwirrung und falsche Vorstellungen entstehen können. Im Englischen gibt es z. B. ein Wort ("education"), im Deutschen zwei ("Erziehung" und "Bildung") mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten.

Aber sogar wenn wir dieselbe Sprache benutzen, sagt Harold, kann es Verwirrung geben. Das englische Wort "education" kann z. B. ein ganzes Spektrum von Bedeutungen abdecken wie Training, Unterweisung, Indoktrination, Sozialisation, Unterricht, Evangelisation, Glaubenslehre und Förderung. Er erwähnt auch, dass in der Bibel mindestens 25 unterschiedliche Wörter für den Prozess des Lehrens und Lernens benutzt werden. Wenn Sie seine Website noch nicht kennen, empfehle ich sie ausdrücklich als einer der besten für christliche Lehrer, die ich kenne (www.transformingteachers.org).

Was wir mit "christlicher" Erziehung meinen

Über die Bedeutungsunterschiede des Wortes "Erziehung" will ich nichts mehr sagen. Harold und andere haben es schon besser getan, als ich das könnte. Stattdessen will ich mich in diesem Artikel darauf konzentrieren, was passiert, wenn wir anfangen über christliche Erziehung zu reden (was immer wir unter diesem Begriff verstehen mögen). Ich werde das Thema angehen, indem ich Antworten in den Blick nehme, die wir auf einige wichtige Fragen im Zusammenhang mit Erziehung stellen: Wo? Wer? Was? Wie? und Warum?

Die Frage nach dem Wo

Hierbei geht es um den Kontext, in dem christliche Erziehung stattfindet. Manchmal wird der Ausdruck "christliche Erziehung" benutzt, wenn aus dem Zusammenhang klar ist, dass es eigentlich um Erziehung in christlichen Schulen geht, vor allem in den "neuen" christlichen Schulen, die in den letzten dreißig Jahren in vielen Ländern Europas und woanders entstanden sind. Dieses Verständnis nimmt den Ort in den Blick, an dem christliche Erziehung stattfindet. Damit verbunden ist die (manchmal explizite) Vorstellung, dass christliche Erziehung am besten in diesem Kontext funktioniert oder sogar, dass sie in diesem Kontext verwirklicht werden kann. Andere benutzen den Begriff "christliche Erziehung" für die Bildungsarbeit an den älteren konfessionellen Schulen, die es in vielen Ländern Europas gibt, von denen viele staatliche Unterstützungen erhalten. Wieder andere benutzen den Ausdruck für die Bildung und Erziehung in älteren unabhängigen christlichen Schulen, von denen einige schon seit Jahrhunderten bestehen.

"Christliche Erziehung" wird auch von der wachsenden Bewegung des Hausunterrichts (homeschooling) für die Erziehung benutzt, die in christlichen Häusern stattfindet. (Sie nennen es nicht gern "christliche Schule", weil sie die Dominanz des Schulsystems in Frage stellen und argumentieren, das ganze Konzept von Schule sei unbiblisch.)

Für noch andere, besonders in den USA, ist "christliche Erziehung" das, was im kirchlichen Umfeld stattfindet, besonders das, was manchmal mit "christliche Erziehung für alle Altersklassen" am Sonntagmorgen läuft.

Allen gemeinsam ist die Vorstellung, dass das Christliche sich auf das ganze Umfeld beziehen muss, in dem Erziehung stattfindet, um "christliche Erziehung" genannt zu werden. Damit verbunden ist, dass christliche Erziehung nicht außerhalb eines solchen Umfelds stattfinden kann. Andere würden gegen diese Vorstellung argumentieren und darauf hinweisen, dass Jesus und die Apostel in ganz unterschiedlichen Bereichen lehrten, von denen einige christlicher Erziehung gegenüber ausgesprochen feindselig waren. Die lebensverändernde Wirkung des Lebens und Arbeitens eines christlichen Lehrers kann man nicht auf bestimmte erzieherische Kontexte beschränken. Christliche Erziehung ist nicht auf diese beschränkt und kann es auch nicht sein. Es gibt sie in einem breiten Spektrum, formell und informell, "christlich" und "säkular".

Die Frage nach dem Wer

Die Frage nach dem Wo hängt mit der Frage nach dem Wer zusammen und kann etwas kürzer behandelt werden.

Es ist wohl weniger strittig zu behaupten, dass christliche Erziehung die Tätigkeit christlicher Erzieher erfordert, als auf einem bestimmten Umfeld zu bestehen.

Manche möchten die Frage nach dem der christlichen Erziehung auf die erzieherische Tätigkeit von Christen im Lehrerberuf beschränken, aber das würde christliche Eltern, Pastoren, Jugendleiter und ähnliche ausschließen, die sehr wohl ausgezeichnete Lehrer sein können, auch wenn sie über keine formale Ausbildung verfügen. Vermutlich haben manche von uns als Eltern gelegentlich die Arroganz professioneller Lehrer, sogar christlicher Lehrer erlebt, die anscheinend davon ausgehen, dass sie die Einzigen sind, die wirklich unsere Kinder und ihre Bedürfnisse kennen!

Gegen eine solch verengte Sicht würde ich vorbringen, dass man zu den christlichen Erziehern auch Pastoren, Jugendleiter und - ganz wichtig - Eltern zählen kann und sollte. Eltern tragen die Hauptverantwortung für und sollten eine Hauptrolle in der Erziehung ihrer Kindern spielen. Und wer von uns in Schulen unterrichtet, lernt auch von denen, die wir unterrichten. Unsere Schüler und Studenten können zu unserer eigenen christlichen Bildung beitragen.

Christus, der große Lehrer und die erste Quelle von allem, was als wirklich christliche Erziehung und Bildung bezeichnet werden kann, kann durch jeden lehren!

Es gibt noch eine Wer Frage - nicht wer erzieht, sondern wer erzogen wird. Manche schränken ihr Verständnis von christlicher Erziehung ein auf Gläubige, oder zumindest auf Kinder aus christlichem Elternhaus. Andere würden sagen, das sei eine willkürliche Beschränkung und stehe nicht im Einklang mit der Rede Paulus' auf dem Areopag (links im Bild) als einem Beispiel christlicher Erziehung und Bildung. Manche sagen, die einzige Voraussetzung für christliche Erziehung sei, dass die Lehrer Christen sind. In anderen Aspekten, z.B. was gelehrt wird und wie unterschieden sie sich nicht von jeder anderen Schule. Wenn die Lehrer selbst Christen sind, so wird gesagt, ist es eine christliche Schule. Das scheint mir ein inadäquates Kriterium für christliche Erziehung zu sein und bringt uns zur Bedeutung der Antwort auf die Frage nach dem Was und Wie.

Die Frage nach dem Was

In den letzten Jahrzehnten haben Christen ihre Aufmerksamkeit sehr auf Bildungsinhalte gerichtet. Die Zugangsweisen sind dabei sehr vielfältig. Auf der einen Seite neigen wir dazu, viel über die Bedeutung einer "christliche Weltsicht" zu reden, der Bildung eines "christlichen Verstandes" und die Notwendigkeit für "biblische Integration" im Curriculum. Am anderen Ende liegt der Schwerpunkt auf dem im engeren Sinn religiösen Teil des Lehrplans, auf biblischen Lektionen und Religionsunterricht, wobei der Rest des Curriculums von christlichen Glaubensinhalten unberührt bleibt. Diese Schwerpunktsetzung wird manchmal ergänzt durch den Hinweis auf Schulgottesdienste und/oder freiwillige außerunterrichtliche Angebote wie christliche Clubs für Schüler. Eine Kirche oder Gemeinde betet vielleicht für einen christlichen Lehrer an einer staatlichen Schule, der Religionsunterricht erteilt, an Andachten mitwirkt oder die Treffen der christliche Schülerarbeit an der Schule organisieren hilft. Wenn er aber nur am "säkularen Lehrplan" arbeitet, verliert sie das Interesse.

Bei diesem Ansatz wird christliche Erziehung auf das reduziert, auf das Lehren der Bibel, bzw. den Religionsunterricht. Die Tatsache, dass der Kern unseres Glaubens sich auf alles auswirkt, auch auf jedes Fach, das wir unterrichten, kommt nicht in den Blick. Dieser Ansatz scheint mir gründlich verfehlt. Ich habe allerdings auch Bedenken bezüglich der christlichen Weltsicht am anderen Ende des Spektrums. Ich würde sagen, es kann genauso reduktionistisch sein, indem der Schwerpunkt allein auf den Verstand, das Denken, die Überzeugungen, das Wissen und die Inhalte gelegt wird anstatt auf die Bildung des ganzen Kindes in den Beziehungen zu anderen, zu Gottes Welt und zu Gott selbst. Der Ansatz der christlichen Weltsicht kann auch dem Irrtum verfallen zu meinen, Christen müssten immer etwas anderes als andere zu sagen haben, weil christliche Überzeugungen ja alles betreffen. Ihren Vertretern ist nicht klar, dass alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist, unabhängig davon, woher sie kommt oder wer sie vertritt.

Die Frage nach dem Wie

Die Schwerpunktsetzung der letzten Jahrzehnte auf Inhalte brachte einen Mangel an Aufmerksamkeit auf die Frage mit sich, unterrichten, auf die Herangehensweise in der Klasse, auf Methoden, auf unsere Pädagogik.

Zu schnell nehmen wir an, dass unsere Methoden lediglich ein Mittel zum Zweck von Vermittlung von Lehrinhalten sind oder zum Erreichen unserer Ziele als christliche Erzieher. Wir meinen, es sei unerheblich, wie wir unterrichten, solange wir die Antworten bekommen, die wir haben wollen.

Auch das scheint mir gründlich verfehlt. Christliche Inhalte können mit unchristlichen Mitteln unterrichtet werden, Mittel die nicht zu unserer Überzeugung passen, dass jedes Kind im Bilde Gottes geschaffen wurde.

Man kann Schüler dazu manipulieren etwas zu glauben oder sich auf bestimmte Weise zu benehmen. Es ist möglich die Wahrheit auf ethisch inakzeptable Weise zu vermitteln!

Christliche Erzieher nehmen manchmal an, traditionelle Methoden, solche die wir vielleicht als Kinder selbst erlebt haben, seien christlicher als moderne/fortschrittliche Methoden. In der christlichen Ausprägung der klassischen Bildungsbewegung wird diese Annahme mit dem Ruf nach Wiederaufnahme des Lateinunterrichts und dem Studium der großen Werke vergangener Jahrhunderte verbunden. Die Ansicht liegt eher in der Auffassung begründet, dass wir uns von einem goldenen Zeitalter wegbewegt haben als in einer gründlichen Erforschung dessen, was biblisch ist. Passen die Lehrmethoden Jesu, des großen Lehrers gut zu traditionellen Lehrmethoden? Ich bezweifle das.

Die Frage nach dem Warum

Last but not least wenden wir uns der Frage zu. Die Bedeutung dieser Frage hat kaum jemand besser ausgedrückt als Neil Postman. In seinem Buch “The End of Education” spielt er mit der Doppeldeutigkeit des englischen Wortes "end" (was sowohl "Ziel" als auch "Ende" bedeuten kann). Darin schreibt er "es gibt keinen sichereren Weg, der Schulerziehung ein Ende zu machen als der, dass sie kein Ziel hat", d.h. keine Vision (S. 4). Weiter schreibt er "Ohne ein Ziel sind Schulen Haftanstalten statt Einrichtungen der Zuwendung" (S. 7).

Wir brauchen ein großes Bild, eine große Geschichte, eine umfassende Vision, einen Sinn und ein Ziel für alles. Das bringt uns zurück zur Bedeutungsvielfalt des Begriffs "Erziehung", die uns Harold Klassen aufzeigt (Training, Unterweisung, Indoktrination, Sozialisation, Unterricht, Evangelisation, Glaubenslehre und Förderung). Jede Bedeutung ist mit einem anderen Ziel christlicher Bildung und Erziehung verbunden und trägt deshalb unterschiedliche Ansichten über das Ziel christlicher Erziehung in sich. Ich kenne keine bessere Formulierung einer christlichen Vision von Erziehung als die von Professor Nick Wolterstorff (im Bild rechts) in seinen Schriften über das Lehren von "Schalom" (Frieden).

Schalom bedeutet nicht einfach die Abwesenheit von Feindseligkeit, denn, so seine bemerkenswerte Formulierung, in "schalom" zu sein bedeutet sich daran zufreuenvor Gott zu leben, sich zufreuenin der materiellen Welt zu leben, sich zu freuenmit seinen Mitmenschen zu leben, sich zu freuen mit sich selbst zu leben" (in: Educating for Life S. 101). Er führt weiter aus, dass es nicht reicht unter christlicher Erziehung und Bildung nur die Bildung des christlichen Geistes zu verstehen. Wir sind zu guten Beziehungen miteinander geschaffen, gegründet auf einer guten Beziehung zu Gott durch Christus.

Die Erziehung zu Schalom ist deshalb eine Erziehung zur Gerechtigkeit im Umgang mit anderen. Diese Sicht von Erziehung führt zu menschlichem Gedeihen, einer Lebensweise in der von Gott geschaffenen Welt, die Christus ehrt.

(Weitere Informationen zu Nick Wolterstorffs christlicher Vision findet sich in einer Rezension von zweien seiner Bücher auf der EurECA Website - Hiereklicken).

Am Anfang sagte ich, dass dieser Artikel ein Plädoyer für Klarheit und Weite in unserem Verständnis christlicher Erziehung ist und ich schließe auch damit. Wir wollen eindeutig sein, wenn wir über christliche Erziehung reden, und wir wollen auch ganzheitlich sein, indem wir den Begriff nicht beschränken auf bestimmte und enge Antworten auf wichtige Fragen zum Kontext, zum Inhalt, den Methoden und Zielen. Gottes Sicht ist größer als unsere - lasst uns immer offener dafür werden.

John Shortt

(Der Artikel, der folgt, ist eine redigierte Version der gehaltenen Rede von Pfarrer N. T. Wright, Bischof von Durham, England bei dem TISCA Nordost-Regionaltreffen. Es erscheint hier mit der freundlichen Erlaubnis von  Bischof Wright und TISCA (dem christlichen Bündnis von Privatschulen). Bischof Tom sagt uns, dass alles in dieser Rede von seinem Buch genommen ist „Die Auferstehung des Sohnes Gottes“. So kann es sein, dass Sie nach dem Lesen dieses Artikels das Buch lesen möchten.)