EurECA Konferenz 2012

KonferenzenEurECA-Konferenz 2012

„Zwischen Säkularismus und Fundamentalismus“

Proem Christian Ministry
Inowlódz (Warschau) Polen

Der Referent: Dr. Thomas Schirrmacher 

 

77 Pädagogen aus 17 Ländern trafen sich über das Himmelfahrtswochenende im Proem-Camp Zakosciele, etwa 100 km südwestlich von Warschau. Das weitläufige Gelände, das unter dem Kommunismus als Arbeiter-Ferienlager gedient hatte, wurde vor gut 10 Jahren von der polnischen Missionsorganisation Proem gekauft und renoviert. Es bietet neben fantastischer Natur auch viele Möglichkeiten für Sport und Begegnung, was an den EurECA-Konferenzen von zentraler wichtig ist. 

Hauptanliegen der „European Educators Christian Association“ ist es, christliche Lehrer in ganz Europa zu ermutigen – einerseits durch ein Netzwerk, anderseits durch inhaltlich starke Konferenzen.

Ursprünglich hätte neben Dr. Thomas Schirrmacher auch der Apologet John Lennox das Programm bestreiten sollen, musste aber später absagen. Trotz weiteren Widrigkeiten wurde schließlich die jährlich stattfindende Konferenz zu einem schönen Erfolg.

Wegen schicksalsbedingter Änderungen im Programm waren der Donnerstagabend und der ganze Freitag vollgepackt mit Vorträgen von Schirrmacher, was ihm aber dank seines unglaublichen Erfahrungshintergrundes als Direktor des WEA-Internationalen Instituts für Glaubensfreiheit eher Spaß als Mühe bereitete.

Im Folgenden sind Zusammenfassungen der verschiedenen Referate:

(Wenn Sie die Vorträge auf Englisch hören möchten, so klicken Sie bitte auf die Titel.)

 

Zwischen Säkularismus und Fundamentalismus

In seiner ersten Vorlesung am Himmelfahrtswochenende überraschte Schirrmacher, indem er den Konferenztitel „Zwischen Säkularismus und Fundamentalismus“ neu auslegte. Er begann mit einem Zitat von CS Lewis (Dienstanweisungen für einen Unterteufel), Sünde kommt immer paarweise, und zwar in gegensätzlichen Paaren. Biblische Wahrheit liegt oft auf beiden Seiten einer Sache. Wie zum Beispiel in der Frage nach Gottes Allmacht; einerseits braucht Gott uns nicht, um seine Pläne durchzuführen, andererseits hat er uns damit beauftragt, das Evangelium zu verbreiten (Matthäus 28). Diese Art der Denkweise gibt es auch in der Wissenschaft; es heißt  Komplementarität oder Ergänzungsprinzip. Man muss beide Wahrheiten in der Balance halten; wenn man nur eine Seite beachtet, handelt man falsch. Wie in unserem Beispiel, wenn wir uns darauf verlassen, dass Gott alles macht und selber nichts tun, so sündigen wir. Wenn wir aber denken, wir könnten die Welt durch unsere Kraft retten, so sündigen wir auch. Genauso ist es mit Säkularismus und Fundamentalismus.

Evangelikale Christen sehen beide Begriffe oft als sehr negative an, aber das Ergänzungsprinzip trifft auch auf diese Begriffe zu. Als Bonifatius die Donareiche fällte, war dies ein säkulares Handeln. Es zeigte den Menschen, dass Geister nicht die Natur beherrschten und bahnte den Weg für die Naturwissenschaften. Säkularismus war ein Faktor bei der Gründung der Evangelischen Allianz (1846), denn evangelikale Christen wollten keine Staatsreligion. Bis zu diesem Zeitpunkt waren viele Menschen durch Religionskriege umgekommen, und viele wurden aus ihrem Land vertrieben, nur weil sie einer anderen Kirche als der Staatskirche angehörten. Säkularismus, der organisierte Religion aus organisierter Politik herausnimmt ist gut; wenn aber Säkularismus dazu benutz wird, alle Religion zu entfernen, so wird den Menschen ihr Recht auf Religionsfreiheit entzogen.

Als evangelikale Christen glauben wir mit ganzem Herzen, dass der christliche Glaube die einzige Wahrheit ist. Wir haben den Auftrag von Gott, den Menschen diesen Glauben durch Lehre der Bibel und in Wort und Tat weiterzugeben. Von dieser Wahrheit können und lassen wir nicht ab, in diesem Sinne könnte man sagen, wir sind Fundamentalisten. Aber wir sind auch überzeugt davon, dass man den christlichen Glauben nur persönlich und aus eigener Überzeugung annehmen kann und niemanden dazu zwingen kann und darf. Wir sind davon überzeugt, dass wir noch nicht einmal unsere eigenen Kinder zum Glauben zwingen können. Fundamentalismus bedeutet aber, dass man den Glauben Anderen mit Gewalt aufdrückt. So wie es in muslimischen Ländern der Fall ist und manchmal auch leider bei extremen christliche Gruppen.

So sind wir als evangelikale Christen Menschen, die absolut von der Wahrheit ihres Glaubens überzeugt sind – gleichzeitig aber auch diejenigen, die am meisten für die Religionsfreiheit aller Menschen einstehen.

 

Glaubensfreiheit für Lehrer/innen

Im Referat „Glaubensfreiheit für Lehrer/innen“ zeigte er auf, an welch sensibler Schnittstelle zwischen den fünf von Gott gegebenen Autoritätsbereichen Lehrer/innen arbeiten. Diese Bereiche sind das Ich (Selbstkontrolle), die Familie, die Kirche, der Staat und die Arbeitswelt/Wirtschaft. Schule hat keine eigenständige Autorität von Gott, berührt aber all diese Bereiche; sie ist somit mit allen Problemen der Gesellschaft konfrontiert und muss Schüler/innen auf ihr Leben in all diesen Bereichen vorbereiten.

Lehrer/innen sind in der Schule in einem Spannungsfeld; einerseits sollen sie das Evangelium verbreiten, andererseits ist es sehr wichtig, die Religionsfreiheit der Schüler zu schützen. Die Schüler müssen zur Schule kommen; somit sind sie keine freiwilligen Zuhörer. Als Lehrer/in kann man klar sagen was man glaubt, aber jeden Tag die Schüler/innen mit Glaubensdingen zu konfrontieren entspricht nicht der Religionsfreiheit. Da man mit den Schülern/innen auf lange Zeit zusammen ist, sollte man mit Taten und nicht mit Worten den Glauben vorleben.

So wie Mordechai, Daniel und Josef in einer ihrer Religion feindlichen Umgebung dienten, ohne dabei ihren Glauben zu verleugnen, müssen wir unser Leben als Christ an einer Schule leben. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir uns der eigenen Glaubensgrundlagen bewusst sind und uns im Klaren darüber sind: wo muss ich flexibel sein und wo darf ich keinen Kompromiss eingehen.

 

Intellektuelle Courage in einer verworrenen Welt

Der nächste Vortag behandelte das Thema „Intellektuelle Courage in einer verworrenen Welt“; hier ging es um die Frage von Glauben und Denken: „Als Christ musst du bereit sein, viel zu denken – sonst solltest du lieber das Christsein vergessen.“ Scharf kritisierte Schirrmacher die Tendenz in vielen Kirchen, die Fragen der Jugendlichen als unerwünscht erscheinen zu lassen. So könne kein ehrlicher Glaube entstehen. Die (oft falschen) Denkmuster unserer Umwelt würden sich uns unweigerlich einprägen und unser Leben bestimmen, wenn wir uns nicht darin übten, sie auch denkend an biblischen Maßstäben zu messen – wie Römer 12, 2-3 ja schon deutlich sage.

 

Der Gedanke einer neutralen Schule

Die Vorteile einer „neutralen Schule“ zeigte der Religionssoziologe auf dem geschichtlichen Hintergrund auf: Vielerorts wurde diese zuerst von den Evangelikalen gefordert – als Schutz vor der übermächtigen katholischen Kirche. Allerdings habe heute der Säkularismus einen ähnlichen Absolutheitsanspruch erreicht wie früher die katholische Kirche. Als de facto atheistische Weltanschauung nehme dieser für sich in Anspruch, neutral zu sein, während alle mit einer religiösen Weltanschauung als nicht-neutral verdächtigt würden. Gegen diese intolerante und unlogische Haltung müsse heute ebenso entschieden angetreten werden.

 

 Drei Aspekte einer christlichen Ethik: Gesetz, Weisheit, Herz

In der letzten Runde, „Drei Aspekte einer christlichen Ethik: Gesetz, Weisheit, Herz“, machte Schirrmacher deutlich, wie wichtig es ist für Christen, eine biblische Ethik zu haben. Viele Christen behaupten zwar, die Bibel sei genug, aber die Bibel gibt uns keine automatischen Antworten auf alle Fragen und Probleme dieser Welt.

Wie kommt man nun zu einer biblischen Ethik? Zum einen sind da die Gesetze, die dazu da sind, Liebe zu beschützen. Sie zeigen auf, wo die äußerste Grenze liegt, aber nicht, wie man Liebe auslebt. Das Gesetz sagt zum Beispiel, man soll nicht stehlen, es gibt aber keine Anweisungen darüber, wie man auf rechtschaffene Art und Weise in einer immer komplizierteren Arbeitswelt seinen Lebensunterhalt bestreitet. Wie man praktisch leben kann, das lernt man durch Weisheit, wie sie einem zum Beispiel in den Sprüchen gelehrt wird, oder einfach durch das tägliche Leben. Um aus Gesetz und Weisheit ethische Grundlagen zu erstellen, braucht man das Herz, welches im biblischen Sinn nicht Gefühle meint, sondern den Verstand.

Wenn wir als Christen eine biblische Ethik auslebten, würde dies die Gesellschaft beeinflussen. Ein Beispiel von Christen, die unbewusst ihre Gesellschaft verändern, brachte Schirrmacher anhand von brasilianischen Christen, die ihrem Staat Billionen von Dollar einbrachten, da sie einfach erkannten, dass sie selber arbeiten sollen und es ihre Pflicht ist, Steuern zu bezahlen.

Als Christen klagen wir oft über die Gesellschaft in Europa, über die Homosexuellen, die Muslime, etc. Das Problem liegt aber nicht in der Gesellschaft, sondern an der Schwäche der Kirche. Hoffnung für Europa liegt in der Erweckung der Kirche. Um als Christen stark zu sein und Gesellschaft zu verändern, brauchen wir biblische Ethik.

 

Samstags konnten sich die Konferenzteilnehmer dann in verschiedenen Workshops über ihre Erfahrungen mit dem Thema der Glaubensfreiheit auseinandersetzen. Zusätzlich gab es noch einen Workshop über den Holocaust in Polen, vorgetragen von Marek Kaniewski aus Polen, einem früheren EurECA Vorstandsmitglied. Ein weiterer Konferenzteilnehmer, Robert Doornenbal, gab noch einen Workshop über Weltanschauungsintegration im Unterricht.

Nach so viel Sitzen und Zuhören freuten sich alle Teilnehmer auf einen freien Nachmittag. Neben Zumba und Kletterwand erfreuten sich die meisten an einem Spaziergang zur nahegelegenen St. Giles Kirche, die in der Wende zum 11. Jahrhundert erbaut wurde; andere besichtigten einen Laden, der sich in einer umgebauten Synagoge befindet und den dazugehörigen jüdischen Friedhof.

Im Abschlussgottesdienst ermutigte uns John Muir, so wie Paulus zu vergessen, was hinter uns liegt und uns auszustrecken nach dem, was vor uns liegt (Philipper 3:13). Wir leben in einer verworrenen Welt; viele sind vom Weg abgekommen; so wie Paulus, bevor Gott ihn auf den richtigen Weg brachte. Wir können das Vergangene nicht verändern; handeln können wir nur in der Gegenwart, aber wir können mit unserem Handeln die Zukunft verändern und Menschen in die richtige Richtung weisen. Ein englisches Sprichwort heißt: „Touch the future – teach“. Wenn man die Zukunft berühren möchte, soll man lehren. Alle waren ermutigt, den Weg weiterzugehen und mit ihrem Dienst in Bildung und Erziehung Wegweiser für ihre Schüler/innen im Wirrwarr unserer Zeit zu sein.

 

Nächstes Jahr am Himmelfahrtswochenende trifft man sich in Holland – mit John Lennox zum Thema „Answering Atheism“ (www.eureca-online.org).